Video-Transkript: Bjørn Melhus

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Kurs: Glitching the (Teacher's) Body - Asynchroner Selbstlernkurs
Buch: Video-Transkript: Bjørn Melhus
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Datum: Dienstag, 31. März 2026, 06:12

Beschreibung

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1. Seine Arbeitspraxis



  1. Ja, erstmal hallo. Und genau, es ist richtig, die Arbeitspraxis hat sich tatsächlich über viele Jahre verändert. Also ich bin ja eingestiegen schon in den- ganz früh schon in den Ende 80er, Anfang 90er Jahre und hab mich damals mit einer ganz anderen medialen Kultur konfrontiert, als es heute der Fall ist. Insofern, also dadurch, dass ich jetzt aus einer Generation komme, die mit dem Leitmedium Fernsehen groß geworden ist und vor allem im Leitmedium Fernsehen, wie es noch in der alten Bundesrepublik üblich war, also dass es ja so drei Programme gab und, äh, der Zugriff auf Material, wie wir es heute haben, durch, also eine digitale Kultur, also ich spreche jetzt von einer vordigitalen Kultur, über die ich erstmal sozialisiert bin. Und als ich dann meine ersten künstlerischen Arbeiten gemacht habe, war auch das Internet noch nicht erfunden. Also, Das Zauberglas“ zum Beispiel, ein Video, ein sehr frühes Video von mir, ist von 1991. Da hatten wir sowas alles gar nicht. Also es bezieht sich damals eben noch auf eine Fernsehkultur. Tatsächlich auch bei den frühen Arbeiten noch auf den Umgang von Synchronsprache, deutscher Synchronsprache, im Zusammenhang mit US-amerikanischer Fernseh- oder Medienkultur oder Filmkultur,

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  2. was ja ganz, ganz dominant war in Westdeutschland in der Zeit. Dann ist es tatsächlich mit Ende der 90er zunehmend digitaler geworden. Also das heißt, auch einmal die Möglichkeiten, technischen Möglichkeiten, die sich ergeben haben, und aber auch die Inhalte, die reflektiert wurden, also bis hin dann heute, wo ich also in Arbeiten wie „Sugar“ dann tatsächlich mit, also eine digitale Kultur direkt reflektiere in der künstlerischen Arbeit. Das heißt, auch eine Influencer-Kultur, wo ich die Stimme einer Influencerin genommen habe und die weiterverarbeitet habe. Also so ist natürlich über den mittlerweile, uiuiui, bald 40-Jährigen oder über 30-Jährigen Weg ein langer Bogen. Also die Welt hat sich einmal komplett auf den Kopf gestellt und somit muss man sich auch als Künstler einmal auf den Kopf drehen, um irgendwie weitermachen zu können. Das ist jetzt vielleicht so der große Bogen, große Wurf.

2. Körper in seiner künstlerischen Arbeit


  1. Gute Frage. Ich glaube, ja, das Körpergefühl hat sich sicherlich auch etwas geändert, weil die Repräsentation der Körper sich geändert hat über die lange Zeit. Und ich glaube auch bestimmte Kernfragen, die ich über die Jahrzehnte bearbeitet habe. Also während es vielleicht in einer Arbeit wie Das Zauberglas“ auch ganz explizit noch um eine Genderfrage geht, also mit der Aufteilung auch zwischen dem mehr maskulinen Teil oder auch mit der männlichen Stimme und der weiblichen Stimme in dem Video und auch diese Auftrennung des eigenen Selbst in zwei verschiedene Körperfantasien, also der männlichen so wie der weiblichen Körperfantasien

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  2. die kommen da jetzt nicht zusammen. In der Frage jetzt bei einer Figur bei „Can You See My Art?“ ist das einfach nur ein nicht wirklich definierbares Zwischenwesen, was dann da auftaucht. Gut, auch genauso mit der Figur mit dem „HON“ in „Sugar“ vielleicht ebenso, die irgendwo auch ganz anders weggetreten sind, also in einem ganz anderen Raum sich eigentlich auch abspielen.

  3. Was für mich, glaube ich, also in der Verkörperung oder die Körperlichkeit, viele denken immer, dass ich in den Arbeiten Perücken benutzt habe oder so, sondern ich habe aber tatsächlich für mich war diese Verkörperung oder ich spreche ja bewusst immer von Verkörperung von Stimmen, also die Arbeit mit Stimmen und den Stimmen einen Körper zu geben, also das echte Haar auch immer ganz wichtig. Also das heißt nur jetzt teilweise so in der letzten Zeit habe ich tatsächlich auch mal ein bisschen mit Perücken gearbeitet, weil es ist da auch vielleicht unwichtiger geworden, vielleicht ist auch der Aspekt der Verkleidung dann und weniger des echten Körpers akzeptierter geworden, auch innerhalb der digitalen Kultur. Vielleicht nicht, dass es nicht das authentische Haar sein musste.

  4. Also bei Das Zauberglas“, da geht es ja tatsächlich erstmal um das Haare abschneiden, um das Rasieren und das authentische Haar. Bei so einem Film wie „Auto Center Drive“, da musste alles der Folge, also der Drehplan musste der Folge der Haarlänge folgen, also von den Figuren, wie sie halt gewechselt haben, also wie sie abgedreht worden sind. Ja und ich glaube schon, also so wie ich gesagt habe, also über die Zeit kann ich schon eine Veränderung, also ich muss selber darüber nachdenken, aber ich würde, glaube ich, retrospektiv tatsächlich auch eine Veränderung in dem Ansatz, wie ich mit Körpern gearbeitet habe, schon sehen.

  5. Also ich würde mich gerne noch mal ein bisschen gerade mit der Frage von Körperlichkeit und von plastischer Chirurgie beschäftigen, also was da passiert, beziehungsweise es gibt Ideen, auch mit dem Einsatz nochmal von K.I. an meinem eigenen Gesicht, so ein paar Experimente erstmal so ausprobiert, das war ein Experimentieren und es sind ganz, ganz seltsame Sachen passiert, also die, weil ich habe bislang, also gerade auch mit dieser Entwicklung von K.I. im Digitalen noch richtig Bauchschmerzen, also mir ist das alles noch nicht so, also das, was ich an Bildern sehe, das langweilt mich beinahe so, und ja, da ist so eine Frage, wie könnte man Sachen einsetzen, also in einer ganz minimalen Dosierung, um etwas zu erreichen, das heißt, es könnte in der Richtung vielleicht wiederkommen.

  6. Aber klar, natürlich, also so eine Figur wie der „LOLTROLL“, den ich vorher erstmal aus Knete gemacht habe, also wirklich einen Ton geformt und angemalt habe und das dann einem 3D-Menschen gegeben habe, der mir diesen „LOLTROLL“ danach gebaut hat, aber ich habe ja auch andere Figuren entworfen, auch wenn es von dem eigenen Körper weggegangen ist, für mich immer noch einen gewissen Bezug zu einer Körperlichkeit gehabt, auch beim „LOLTROLL“, das Zusammenbringen von Sprache und dieser komischen Knetfigur.

3. Die Schnittstelle von Körper und digitaler Kultur


  1. Ich glaube, heute haben wir es vor allem auch mit der Vervielfältigung oder extremen Multiplizierung von, also wie du auch schon gesagt hast, von bestimmten Bewegungsmustern oder natürlich auch Körperidealen zu tun, die ja bei einem großen Teil von Jugendlichen dann ein ganz bestimmtes Aussehen, also es wird ja dann über einmal eine bestimmte Bewegung, einmal über einen bestimmten Look, es werden darüber ja auch Produkte verkauft und ich meine, mir fällt halt auf, dass es zu einer extremen Normierung führt im Moment, dass wir so eine Normierung erfahren von Körperbildern, die ganz stark durch soziale Medien beeinflusst sind, also bei einer jüngeren Generation und das ist vielleicht ein normaler Prozess, der auch damals so gewesen wäre.

  2. Wir haben heute einfach, ich glaube, in der Fortsetzung, wenn man jetzt im Bogen nochmal zurückmacht, zu diesem Bild von Weit weit weg“, wo wir vielleicht durch die Multiplikation noch eine Differenz hatten, also durch die Frage des Analogen haben wir heute keine Differenz mehr, das heißt, auch im Sozialen meine ich jetzt, nicht nur im Digitalen als Bild selber.

  3. Vielleicht mache ich da noch einen Einwurf mit der Arbeit „Again and Again“ aus dem Jahre, 1998 war das, 1998, die ich in Los Angeles gemacht habe, damals noch auf der Sprache einer Dauerwerbesendung aus dem Fernsehen, aber da ging es schon eigentlich genau um die Frage von Duplizieren des Körpers, also weil kurz davor ist auch das erste Schaf, also Dolly, geklont worden, also das Klonen selber als zeitgleiches Ereignis in der Körperlichkeit, als die Digitalität auch eingesetzt hat. Also ich fand das ganz interessant und in dem Fall sind halt meine Körper, die neuen Körper, die da auftauchen, anders als der Originalkörper und sie sagen, sie behaupten von sich noch besser zu sein, weil sie eigentlich Körper sind, die nur für das Bild da sind und deswegen keine Rückseite mehr brauchen.

  4. Also da habe ich ja so einen ganz billigen Videotrick benutzt, wo die sich hin und her klappen und auf beiden Seiten ein Gesicht haben. Ich meine, für die mediale Realität brauchen wir ja keine Rückseite mehr, während wir das Original von hinten sehen mit dem Hinterkopf und die anderen sagen, ja, es ist halt besser, die haben zwei Vorderseiten, es ist also für diesen Einsatz und ich glaube, in diesem Sinne, wo wir jetzt auch sind, ich lasse es vielleicht an der Stelle mal stehen, also dass das vielleicht eine Metapher ist, auch für das Soziale, was passiert ist.

4. Der Einfluss dieses Verhältnisses auf seinen Schaffensprozess


  1. Es ist tatsächlich so, dass es ganz viele Fragestellungen gibt, die mir in der letzten Zeit natürlich da auch durch den Kopf gehen, aber ich kann einfach sagen, augenblicklich bin ich so ein bisschen überrannt von dem, was um mich herum passiert. Das sind gewisse kulturpolitische Debatten und hochschulpolitische Sachen, dass ich eigentlich seit mindestens einem halben Jahr überhaupt gar nicht mehr an irgendwas richtig denken konnte.

  2. Aber um das nochmal vielleicht ein bisschen davor, also ich habe ja, bevor ich Kunst gemacht habe, selber Werbung gemacht. Das war noch in den 80er Jahren, also für so auch verschiedene Investitionsgüter etc. Und auch für andere Dinge, so kurze Spots, es war zum Geldverdienen, da gab es so diesen Overlap zum Anfang des Kunststudiums.

  3. Das heißt, daher kommt ein bisschen auch diese Form von der Frage der Verführung oder der Slickness, das heißt mit dem, was das Industrielle mit uns macht über das Medium, aber es dann irgendwie genau zu brechen. Das heißt, auch Sprache zu übernehmen, also das und das und das. Jetzt mache ich den Bogen wieder zurück zu heute, also zu gucken, wie funktioniert das eigentlich, was da passiert. Also auch das Ganze, ich nenne mal, die ganze Influencer-Kultur heute ist auch eine Form von Industrie zum Beispiel. Weil da oft tatsächlich, das sind ja Leute, die wirklich Millionen umsetzen, also jetzt bei denen, die richtig groß im Geschäft sind. Und wo auch wiederum eine Industrie dahinter steht, also auch eine Warenindustrie, ob das jetzt irgendwelche Konsumgüter sind oder etwas anderes. Und da nochmal genau drauf zu gucken und zu sagen, was sind eigentlich die, mit welcher Formel werden irgendwelche Dinge gemacht? Darauf zu gucken und dann die Frage zu stellen, wie können wir das vielleicht brechen oder auch im ersten einfachsten Fall vielleicht auch verulken.

  4. Also das heißt, um damit schon eine Brechung zu machen, um das Verständnis zu kriegen, also was passiert da eigentlich? Also was ist auch meine Rolle oder die Rolle aller jener, die sich das wieder reinziehen, um vielleicht auch eine eigene Ermächtigung dagegen wieder zu finden? Also ich denke immer, ich verstehe auch eine Praxis gegenüber allem, was uns so zu beballert, als auch vielleicht eine Form des Sich-Wehrens. Und zu sagen, also okay, ich nehme das alles auf, ich kau das einmal richtig durch und dann spuck ich es wieder aus, was da so kommt. Und spuck denen das wieder so ins Gesicht, also das Zurückgeben. Und ich glaube, mit diesem Ansatz oder mit diesem Gedankenansatz da vielleicht auch mal reinzugehen und zu sagen, ja, ich kann da vielleicht einfach was machen und was kann ich machen, wenn ich das will?

5. Bjørn Melhus Sicht auf das Zusammenspiel von Digitalität und Kunstunterricht

 

  1. Vielleicht auch, sag ich mal, auch Mut zur Aneignung, erstmal generell. Also zu sagen, also ich meine, klar, es gibt natürlich jetzt in der digitalen Kultur auch sehr viel, dass sich Leute irgendwas aneignen, verändern oder sowas. Aber vielleicht diese in der Reflexion darüber, was sie da machen und das Verständnis für das, was erstmal da ist, muss auch erstmal klarer sein. Also das heißt, diese ganzen Inhalte auch mal zu besprechen, was diese Inhalte eigentlich bedeuten und was sie machen auch. Und ob man sie einfach nur annimmt und als gut befindet oder ob man vielleicht sagt, nee, ich habe dem was entgegenzusetzen.

  2. Also ganz wichtig ist, also die Interessen, also auch herauszufinden, was da eigentlich für Interessen da sind. Und ich meine auch, es macht es sehr, sehr schwierig augenblicklich, weil wir mit jeder, nicht nur Generation, sondern alle paar Jahre ist schon wieder was komplett anderes, auch ein anderes Leitmedium wieder da. Also von- irgendwann war es Snapchat, dann ist es TikTok, dann ist es Instagram. Und damit verbinden sich auch ganz gewisse Inhalte. Aber alles in allem kann man doch, glaube ich, ein großes Gesamtmuster sehen. Und ich glaube, das ist halt auf das Gesamtmuster hin, also erstmal auch herauszufinden. Das macht mehr Arbeit sicherlich, auch wo es ist, jeder Jahrgang eigentlich gerade.

  3. Aber ich glaube, das Einsteigen darüber, um nicht diese Grenze aufzumachen: „Hier, das ist eure Freizeit und das darf nicht in Schulunterricht mit rein“, sondern zu sagen: „Nee, das ist eure Gegenwart.“ Und genau diese Gegenwart bringen wir in den Schulunterricht mit rein und verhandeln das dann da und verhandeln das dann vielleicht auch mal in einem Experiment kreativ, was wir damit machen. Und dann auch in der Bewertung zu sagen, ja, man kann schon dann einfach in der Bewertung sehen, wie viel Eigenkreativität kommt da mit rein oder wird einfach nur was abkopiert oder sowas. Also ich habe jetzt auch mal erstmal ein paar ganz einfache Übungen gemacht und das hat riesengroßen Spaß gemacht und das hat auch allen, also jetzt mit denen [Studierende], die ganz frisch reingekommen sind.
 

6. Bildverzeichnis

Melhus, Bjørn, Weit Weit Weg, 1995, 39:02 min.
https://melhus.de/weit-weit-weg/

Melhus, Bjørn, Das Zauberglas (The Magic Glass), 1991, 06:06 min.
https://melhus.de/das-zauberglas-the-magic-glass/

Melhus, Bjørn, Sugar, 2019, 20:31 min.
https://melhus.de/sugar/


Melhus, Bjørn, Can You See My Art?, 2018, Loop-Video. 04:53 min.
https://melhus.de/can-you-see-my-art/

Melhus, Bjørn, Auto Center Drive, 2003, 28:08 min.
https://melhus.de/auto-center-drive/

Melhus, Bjørn, LOLTROLL, 2024, Loop-Animation.
https://melhus.de/lol-troll-inauguration/
https://www.facebook.com/bjoernmelhus/posts/pfbid0xiB9PBgqo4SnbkBekt1SR46tcc9jDRtqaoUYr8mH8b8q5kop27EiM3GnKGiafPwXl?locale=de_DE


Melhus, Bjørn, Again and Again, 1998, Loop-Video, 08:00 min.
https://melhus.de/again-and-again/ (inkl. Installationsansicht)